Ich bin wahnsinnig …. aber ich liebe es!

Dieser Artikel erschien gestern in der FAZ. Und passt so schön zu meinen anderen beiden Einträgen.

Es ist ein sehr ehrlicher Artikel über den Imperativ der vollzeit berufstätigen Mutter und das Hineinregieren der Öffentlichkeit ins Privatleben, besonders ins Kinderkriegen.

“Bei all diesem Durcheinander frage ich mich vor allem: Warum soll ich ein Kind bekommen, wenn ich gar keine Zeit dafür haben und es pausenlos wegorganisieren werde? Wann soll denn da eine Beziehung zu dem Kind entstehen?”

Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen

06.01.2014 FAZ Feuilleton ·  Die tollste Sache der Welt ist in unserer Gesellschaft für viele zu einem Albtraum geworden. Wie könnte man das wieder ändern?

Von ANTONIA BAUM

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Kinder sind so etwa das Tollste, was es gibt, aber ich habe wahnsinnige Angst davor, welche zu haben, und habe bislang also keine, obwohl ich wirklich will, habe ich keine, denn alles, was ich über das Kinderhaben höre und lese, ist so furchteinflößend, dass ich manchmal denke: Man muss ja total wahnsinnig sein, auf die Idee zu kommen, wirklich ein Kind zu kriegen. Mir ist das zu gefährlich, ich traue mich das einfach nicht. Warum sich diese Katastrophe ins Haus holen? Das hört sich jetzt ebenfalls wahnsinnig an, ist es aber überhaupt nicht, wenn man sich umsieht: Deutschland und seine Zeitungen sind voll von gestressten Müttern und Vätern, die bei dem Versuch scheitern, „Beruf und Familie“ oder gar „Karriere und Familie“ zu „vereinbaren“ – eine stehende, eine schreckliche Wendung, von der doch eigentlich niemand so genau weiß, was sie bedeutet, wahrscheinlich, weil sie für alle etwas anderes bedeutet, was vermutlich der Kern des Problems ist.

Vor kurzem erschien im „Spiegel“ dazu ein Text mit dem Titel „Die große Erschöpfung“, welcher von dem Gefühl der Eltern erzählt, ständig an jenem Vereinbarkeitsversuch zu scheitern. Der Job, die Kinder, der Haushalt. Den Haushalt übernähmen immer noch mehrheitlich die Frauen, was diese noch erschöpfter und unzufriedener machte (absolutely!). Das Familienleben sei leider eine Frage der Organisation, was aber, so räumt die Autorin Claudia Voigt ein, dann schwierig werde, wenn es darum gehe, nahe Gefühlsmomente mit den Kindern zu haben, die sich eben nicht auf „Knopfdruck“ bestellen ließen. Die Politik sei mit ihrer großen Unentschlossenheit in Familienfragen keine Hilfe. Ein möglicher Ansatz zur Lösung des Problems wäre, wenn Mütter und Väter nur noch achtzig Prozent arbeiteten.

Diktatur des Glücks

Weiter: in dem Magazin „The Germans“ war der bemerkenswerte Text „Ich liebe mein Kind. Ich hasse mein Leben“ zu lesen, verfasst von der feministischen Autorin Stefanie Lohaus, die noch deutlicher wird: Kinder machten schlicht unglücklich, das gelte für Männer wie für Frauen, auch wenn einem das vorher niemand sage. Zwar herrsche offiziell Gleichberechtigung, aber: „Es hat sich viel weniger verändert, als es uns auf der Oberfläche erscheint. Und das offenbart sich besonders stark, wenn ein Kind geboren wird. Mütter stehen in Wirklichkeit nach wie vor am Herd – obwohl sie gut ausgebildet sind.“ Und dabei bleibe es auch, wenn sie wieder anfingen zu arbeiten.

Die Männer seien unglücklich, weil sie sich als Familienväter für die Beschaffung des Geldes zuständig fühlten und glaubten, es sei zu wenig, was die Autorin auch auf die verschärfte ökonomische Situation zurückführt: befristete Verträge, gar keine Verträge. Es ist eben nicht mehr so, dass man irgendwo anfängt und dort für immer bleibt. Außerdem leide die Beziehung, weil für romantische Liebe nicht mehr so viel Zeit ist. Die Autorin fordert also: Ausbau der Kindertagesplätze, die Abschaffung der Präsenzkultur in Unternehmen und die „flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen“ (erinnert dem Sprachduktus nach irgendwie an Diktatur. Das Kinder-Kapital muss verstaut werden. Neuesten Berichten zufolge sind die Franzosen mit der umfassenden staatlichen Betreuung ihrer Kinder aber auch nicht besonders glücklich). Wie viele Texte, die sich mit dem Wir-sind-Eltern-und-erschöpft-Thema befassen, endet auch jener Artikel versöhnlich: „Eltern können noch so unzufrieden sein – diese Momente des Glücks kann ihnen niemand nehmen.“ Das klingt ein wenig hoffnungsvoll, das klingt wie, das Gute im Schlechten sehen.

Es sind nicht nur die beiden angeführten Beispiele, die von überforderten Eltern erzählen, man kann auch einfach die Büroflure hoch und runter laufen oder sich mit Freunden treffen, um Menschen anzugucken, die aussehen wie Zombies. Und dann denkt man: Das Dasein ist jetzt schon so anstrengend, wie soll das dann noch mit einem Kind gehen, wie soll ich das schaffen – wobei in dieser Überlegung ein wichtiges Merkmal der modernen Kinderfrage liegt: Wenn man ein Kind bekommt, ist man gewissermaßen selbst schuld. Man kann sich heute dafür oder dagegen entscheiden. Man hat zumindest offiziell die Wahl.

Das entsorgte Kind

Fragt man die bewundernswerten Zombies, wie sie das alles schaffen, sagen sie, das gehe schon irgendwie, aber dabei schlafen sie fast ein, und wenn man dann Artikel wie „Wir gegen die Kinder“, erschienen in der Wochenzeitung „Der Freitag“, liest, welche „zehn goldene Tips“ versammeln, damit nicht das Kind, sondern die Paarbeziehung gewinnt („erklären Sie Sex zu einer äußerst wichtigen Angelegenheit“), dann möchte man schreiend davonlaufen. Sex – auch das noch! Gleichzeitig ist es aber auch so, dass man sich dem Kinderkriegen nicht verweigern kann (oder will), weil zu einer anerkanntermaßen vollständigen Frau auch ein Kind gehört, woran viele Frauen verzweifeln. Das ist ein gesellschaftlicher Imperativ, der hier erwähnt wird, weil er falsch ist und weil er zeigt, wie sehr die Öffentlichkeit in das private Leben hineinregiert, was für Fragen des Kinderkriegens ebenso gilt, und dabei beanspruchen die Journalisten, Talkshowgäste und Politiker meist, genau zu wissen, wie es richtig geht: Flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen! Aber das Kind braucht am Anfang besonders die Mutter! Wohin mit dem Kind – auf der Suche nach dem Kita-Platz! Mütter, die zu Hause bleiben, haben eine Schraube locker! Kinder, die fremdbetreut werden, werden später mal eine Schraube locker haben! Kinder müssen schon als Babys zum Chinesisch-Unterricht! Damit die Romantik nicht flöten geht: So halten Sie Ihre Beziehung frisch! Die After-Baby-Bodys der Stars – seien auch Sie sexy! Und dann sieht man diese sogenannten Stars ihre Babys herumtragen wie tolle Accessoires, und denkt, ich will auch eins, aber ich bin kein Star, ich muss wahrscheinlich Vollzeit arbeiten und mein Freund auch.

Bei all diesem Durcheinander frage ich mich vor allem: Warum soll ich ein Kind bekommen, wenn ich gar keine Zeit dafür haben und es pausenlos wegorganisieren werde? Wann soll denn da eine Beziehung zu dem Kind entstehen? Mit einem Jahr in die Kita, zack, Schule, Ganztagsschule. Auf dem Weg zur Kita rennen, damit ich nicht zu spät komme, aber mein Kind will sich vielleicht irgendeine Blume ansehen oder findet einen Lastwagen toll, und dann muss ich es da wegziehen, weil ich, im Dienst der Arbeit, keine Zeit habe. Ich verstehe dieses Selbstausbeutungskonzept nicht, welches natürlich schon vor den Kindern anfängt – perfekte Arbeit, perfekte Beziehung, perfekter Körper, perfekte Bildung und perfekte Einrichtung – und sich nach den Kindern, nur unter verschärften Bedingungen, fortsetzt, denn da möchte man natürlich weiterhin alles haben und perfekte Kinder obendrauf, wobei es eben die Kinder sind, die sich dem Perfektions- und Timing-Wahn nicht unterwerfen lassen, aber ich lebe inzwischen dermaßen effizient, dass mir bestimmt alle naselang der Geduldsfaden reißen würde. So: Es ist jetzt aber total unpassend, dass du schlecht träumst, muss das sein? Ich habe zu tun!

Der eigene Optimierungswahn

Vielleicht hängt die große Unzufriedenheit auch damit zusammen, dass die Selbstverwirklichung, die Gestaltung und Optimierung des eigenen Ichs jungen Erwachsenen heute als ein zentraler Wert vermittelt wurden. Ein Wert, der sich so weit verselbständigt hat, dass er das Ich versklavt hat, und der nur schwer mit der Aufgabe, ein Kind großzuziehen, harmoniert. Wo bleibt denn da das Ich? Mit dieser Überlegung wird einmal mehr offenkundig, wer es eigentlich ist, der sich öffentlich zu dem Kinder-Thema äußert: das soziale Milieu der Akademiker, der Ichs und Optimierer. Was Lastwagenfahrer und Supermarktkassierer dazu denken, liest man überhaupt nicht und weiß folglich auch nicht, was die sich wünschen würden. Nicht jeder Mensch empfindet seinen Beruf als sinnstiftend. Und so ist auch dieser Text die Selbstaussage eines bestimmten Milieus.

Ich möchte aber nicht so ein effizienter Funktions-Arsch im Dienst meines versklavten Ichs, meines Arbeitgebers und der Deutschlandproduktion werden, nur unter den gegebenen Umständen wäre ich das bestimmt. Zum einen weil sich der eigene Optimierungswahn nur schwer beherrschen lässt, und zum anderen weil die Dinge so liegen: Die berufstätige Mutter ist inzwischen das vorherrschende Rollenideal. Es darf aber nichts herrschen. Womit nicht gesagt ist, dass es falsch ist, wenn eine Frau für sich entscheidet, dass sie nach der Geburt so schnell wie möglich arbeiten möchte. Es darf aber ebenso wenig falsch sein, wenn eine Frau sich entschließt, soundso lange zu Hause zu bleiben, wenn ihre finanziellen Möglichkeiten das denn erlauben. Oder wenn ein Mann das tut, was statistisch gesehen recht unwahrscheinlich ist. Inzwischen nimmt jeder dritte Vater Elternzeit, in der Regel allerdings nicht länger als zwei Monate, was auch zeigt, welches Männerbild in Deutschland immer wieder bestätigt wird. Der Mann muss arbeiten, aufsteigen und funktionieren, außerdem noch, so viel es geht, Vater sein.

Die Kapitalismus-Frage

Die Frau muss auch arbeiten, aufsteigen und funktionieren, ein bisschen weniger als der Mann vielleicht, aber dafür ist sie auch mehr für den Haushalt und die Kinder zuständig. Männer wie Frauen sind mit ihren Aufgaben überfordert und unzufrieden. Insofern haben beide ein Geschlechteranliegen, welches aber am Ende auf die Verfasstheit unserer Ordnung weist. Natürlich, Frauen müssen die feministische Arbeit auf sich nehmen, dafür zu kämpfen, dass es Männer genauso stört, wenn es dreckig ist, und sie etwas dagegen tun. Dagegen würde es Männern wahrscheinlich besser gehen, wenn sie sich weigerten, potente Funktionsmaschinen zu sein, die niemals scheitern, was ein Gedanke ist, von dem man glücklicherweise immer häufiger lesen kann. Aber lange nicht so oft wie über den Wirtschaftsfeminismus, der, in der Regel von Frauen aufgeschrieben, dafür eintritt, dass Frauen dringend kapitalistisch verwertet werden müssen. Die Folge davon ist der Imperativ der berufstätigen Mutter. Es ist aber sehr dumm, den Feminismus in den Dienst des Kapitalismus (tut mir jetzt leid, dieses große, schwer fassbare Wort) zu stellen, in welchem die Männer, seit es ihn gibt, stehen und davon Herzinfarkte bekommen.

Und deswegen muss es die Möglichkeit geben, weniger zu arbeiten. Für Männer und Frauen. Nicht achtzig, besser sechzig Prozent und ohne, dass man weniger Geld bekommt. Natürlich nur für die, die es wollen. Für vier Jahre müsste das doch machbar sein. Büros sind ohnehin das Ineffizienteste, was es gibt, die braucht man einfach nicht mehr, und es geht doch hier von morgens bis abends um Effizienz. Vielleicht klingt das naiv und hippiemäßig, aber das ist ja das Verflixte an unserer Gegenwart, das zynische Lachen über alles, und genauso würde Angela Merkel wahrscheinlich auch ihre Mundwinkel verziehen, wenn sie davon hörte, weil sie und ihre Crew so wirtschaftsverliebt sind. Jedenfalls geht es denen bestimmt nicht um die Emanzipation der Frau oder die Befreiung des Mannes. In der neugewonnenen Freizeit könnten wir dann zusammen überlegen, was unser Optimierungswahn mit dem kapitalistischen System zu tun hat. Und Zeit mit den Kindern verbringen.

der Link zum Artikel:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/beruf-und-familie-man-muss-wahnsinnig-sein-heute-ein-kind-zu-kriegen-12737513.html

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