Durch den Tod ins Leben

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Schöner österlicher Beitrag von Felix Genn Bischof von Münster
Ursprung: katholisch.de

Es ist Nacht. Das Volk ist auf der Flucht und in verzweifelter Angst. Kurz zuvor noch war es voller Hoffnung gewesen, nachdem es von seinem übermächtigen Peiniger aus der Sklaverei entlassen worden war. Doch die Lage hat sich schnell geändert. Nun liegt vor den Fliehenden das unüberwindbare Meer, bereits dicht hinter den unbewaffneten Männern und ihren Familien nähern sich ihre wütenden Verfolger mit unzähligen Streitwagen und schnaubenden Schlachtrossen.
Eine nach menschlichem Ermessen hoffnungslose Situation. Doch dann geschieht das ganz und gar Unerwartete: Ein starker Ostwind treibt die Fluten fort, das Volk kann durch einen Ort hindurch entkommen, der ihm bisher als unüberwindlich galt. (vgl. Ex 14) Diese dramatische Erfahrung von Befreiung aus existenzieller Not steht im Zentrum der Glaubenserfahrung des Volkes Israel, unserer “älteren Brüder im Glauben” (Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch der Synagoge in Rom am 13. April 1986), und gehört daher auch zum Wurzelwerk unseres christlichen Glaubens: Der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Befreiung aus der Knechtschaft des Pharaos, geführt und gebahnt durch “den starken Arm des Herrn” (vgl. Ex 14,31; 15,6.12).
Jedes Jahr in der Osternacht hören wir diese Erzählung von der lebensrettenden Heilstat Gottes. Durchbruch aus dem als sicher und endgültig geglaubten Tod in ein neues Leben, darum geht es auch in der Osternacht: Jesus Christus, der so viele Menschen geheilt und von der Last ihrer Schuld befreit hatte, der ihnen die Liebe Gottes auf ganz neue Weise offenbart hatte, auf den sie deshalb ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten und um dessentwillen viele alles andere aufgegeben hatten, war gefoltert und getötet worden. Das “alte” Dasein mit seiner ganzen Schwere aus Leid und Liebesunfähigkeit war ihnen nun wieder dicht auf den Fersen. Ein Weg in eine heilvolle, lebenswerte, herzensfreie und -frohe Zukunft unausdenkbar. Doch dann geschieht das Unausdenkbare, das ganz und gar Unerwartete: Die Verzweifelten begegnen Jesus wieder. Er lebt! – auferstanden von den Toten… – In der Mitte der Nacht!

Aus der Gefangenschaft in das ewige “Gelobte Land”
Mitten in der Osternacht vollzieht sich ein zweiter Auszug aus Ägypten, ein zweiter Durchzug durch das scheinbar unüberwindliche “Meer des Todes”: Wie Gott das Volk Israel aus der irdischen Gefangenschaft Ägyptens befreit und durch das Meer hindurch in Richtung des irdischen “Gelobten Landes” geführt hatte, so führt er nun Jesus Christus aus der zuvor ewigen Gefangenschaft des Todes in das ewige “Gelobte Land”, die ewige Gemeinschaft mit ihm. Ostern, die Auferstehung, ist der Durchzug und Auszug Jesu aus dieser Welt zum Vater, durch den Tod, durch Leiden und Kreuz hindurch.
Wer zu Christus gehört, wer sich im Glauben und im Vertrauen auf das Engste an Jesus festhält, und wer durch die Taufe untrennbar in Jesus “eingetaucht” ist, der geht diesen Weg des Durchzuges aus dem Tod ins Leben mit ihm! “Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? […] Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein” (Röm 6,3.5). Ja, dieser Durchbruch ins Leben hat schon jetzt für uns begonnen, wie Paulus an die Kolosser schreibt: “Ihr seid mit Christus auferweckt; […] Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott” (Kol 3,3).

Es gibt einen Ausweg aus aller Bedrängnis!
Glauben wir das? Vielleicht sind auch in unserem Leben, wie beim Volk Israel nach der ersten Entlassung aus der Gefangenschaft, schon manche Hoffnungen aufgeleuchtet und dann doch wieder ausgelöscht worden, ohne Aussicht auf eine neue Zukunft. Auch wir kennen das Bedrängtwerden von den unterschiedlichsten “Feinden”, die uns auf den Fersen sind: Sei es die Zeitnot unserer Tage, seien es Sorgen, die immer auf’s Neue heran drängen oder eigene Schwächen, die uns immer wieder einholen, sei es eine heimtückische Krankheit oder Menschen, die uns schwer fallen – und das alles im Zugehen auf das Ende, auf den Tod, so dass auch keine letzte Flucht nach vorn möglich scheint.
Das Osterfest offenbart uns: Es gibt einen Ausweg aus aller Bedrängnis! Durch die Not hindurch führt ein von Gott eröffneter, unerwarteter Weg in das Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10). Christus selbst ist dieser “Weg (vgl. Joh 14,6). Die Ratlosigkeiten, Verstrickungen und die “Kreuze”, die wir in dieser Welt oft erfahren müssen, bedeuten nicht das Ende. Diese Welt und selbst der Tod, das ist nur das Vorletzte, das nur vorläufig Gültige. Das Letzte, das ewig Gültige ist die Gemeinschaft mit Christus und in ihm mit dem Vater und allen Erlösten. Binden wir uns neu an Christus, “tauchen” wir neu ein in seine Liebe, dann beginnt dieser “Durchzug” vom Tod ins Leben schon heute.

http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/glaube_2/140420_ostern_gastbeitrag_bischof_genn.php

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